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Ein heisser Sommer in GöttingenDer im Ruhestand lebende Germanistik-Professor Dr. Bernhard B. dachte oft an dieses Rilke-Gedicht – es war wirklich Zeit! Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los. „Herbststag“ hatte der Dichter dieses Gedicht genannt, aber jetzt, es war erst Juni, schon jetzt stöhnten alle in der Stadt unter der sengenden Sonne. Professor B. hatte in den Ferien seine drei Enkelkinder zu Besuch – die beiden Mädchen Tina und Laura und den kleinen Burschen, der auf den etwas seltsamen Namen Klaus-Philemon hören musste – na ja, der Vater des Knaben, der Sohn von Professor B., war Spezialist für alte Sprachen und hatte auch eine Professur, allerdings für Theologie, früher, in Göttingens Partnerstadt Wittenberg, nun aber in Leipzig – es war eigentlich kein Wunder, dass so ein Name dabei raus kam - Professor B. hatte ehrliches Mitleid mit dem Kind… Herr B. fuhr seine Enkelkinder an diesen heissen Tagen gern zum Freibad – aber er war immer sehr froh, dass er auch ganz schnell wieder wegfahren konnte – das Gekreische aus mindestens 200 Kinderstimmen war einfach zu schrill und zu laut für ihn. Als sie sich heute dem Schwimmbad näherten, war irgendetwas anders: nur ein paar Fahrräder standen herum, keine Kinder an der Kasse – und: es war still, fast gänzlich still! Was war denn hier passiert? Um das Kassenhäuschen herum standen einige Menschen, völlig normal bekleidet, Erwachsene, die ganz sicher nicht zum Baden gekommen waren – und zwei von ihnen hatten Polizistenuniformen an. Professor B. räusperte sich, machte sich bemerkbar und fragte, ob das Schwimmbad für länger geschlossen sei – ja, sagte man ihm, das dauere mindestens noch drei Stunden. Und was ist passiert? Nein, das können wir Ihnen nicht sagen. Einen der Umstehenden kannte Herr B., es war der Besitzer des Kiosks, und der kam zu ihm hin und sagte ganz leise zu Herrn B.: „Mein Kassierer ist mit der Kasse durchgebrannt!“ Herr B. brachte die Kinder in ein anderes Schwimmbad, aber ihn interessierte, was seinem Bekannten, dem Kioskbesitzer, passiert war, und so kam er zurück. Der arme Mann war völlig geschafft – so etwas hatte er noch nie erlebt. Er erklärte Herrn B., dass er wegen der unerwarteten Hitze seinen Kiosk länger als üblich geöffnet hatte, und dass er sich um Aushilfspersonal gekümmert hatte. Eine örtliche Personalvermittlungsagentur hatte ihm einen jungen Mann geschickt, der sich sehr bald eingearbeitet hatte und seine Sache auch ganz prima machte. Und dieser Junge, Norbert, war jetzt mit der Kasse abgehauen? Offenbar ja, so sah es jedenfalls aus. Herr B. kannte uns, die Alpha-Detective, von einem Fall, als wir in der Universität mal eine Einbruchsserie aufgeklärt hatten, und er rief uns an. Als er uns den Namen der Personalagentur nannte, klingelten bei uns die Alarmglocken: wir hatten schon einen Ermittlungsauftrag, der diese Agentur betraf. Offenbar war da mehr im Argen als bloss dieser eine Fall. Herr B. brachte den Kioskbesitzer zu uns, und der erteilte uns den Auftrag, den ungetreuen Norbert für ihn zu finden. Unsere Ermittlungen waren inzwischen so weit gediehen, dass wir wussten, was es mit der Personalvermittlungsagentur auf sich hatte: der Besitzer war sozusagen pleite, und es sah danach aus, dass er sein ausgeliehenes Personal systematisch zum Stehlen anhielt. Uns fehlten nur die abschliessenden Beweise – wir planten, die Arbeitsplätze der „Leiharbeiter“ durch Videoüberwachung näher kennenzulernen. Das aber war nicht mehr nötig, weil uns plötzlich der ungetreue Norbert und der Kioskbesitzer ins Haus schneiten. Er wusste, dass der arme Kioskbesitzer wirtschaftlich auch nicht so gut dran war, und ihn zwickte sein Gewissen. Norbert beichtete uns die volle Geschichte: er war von seinem Chef, dem Inhaber der Personalvermittlungsagentur ultimativ aufgefordert worden, die Kasse zu entwenden, und zwar dann, wenn sie besonders gut gefüllt war. Die eine Hälfte des Kasseninhalts sollte Norbert behalten dürfen, die andere Hälfte sollte er seinem Chef abliefern - was er auch gehorsam getan hatte. Norberts Aussage war genau das, was wir brauchten, um den ganzen Fall abschliessend aufzuklären: Norbert ging mit uns zum Notar und unterschrieb eine Erklärung, in der er den ganzen Tatbestand schilderte. So hatte der reumütige Dieb, der den Kioskbesitzer bestohlen hatte, den ganzen Fall aufzuklären geholfen. Professor Dr. Bernhard B. aber fuhr inzwischen gut gelaunt nach Hause, und auf dem Heimweg deklamierte er – natürlich auswendig - mit viel Gefühl das Rilke-Gedicht „Herbststag“: Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los. Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. * Anrufweiterleitung zur zentralen Einsatzleitung nach Nürnberg. Wir weisen darauf hin, dass wir nicht in allen Städten in denen wir tätig sind Büros betreiben. Das Büro unserer zentralen Einsatzleitung befindet sich in Nürnberg. |
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