Observationen

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Der Vertriebsleiter Dr. P. hatte bereits ein paar unerfreuliche Sitzungen mit dem Inhaber der Agentur für Direktvertrieb hinter sich. Es ging – wie konnte es anders sein – um den wieder mal schleppenden Auftragseingang.
Die Agentur vertrat ein Produkt, das es nicht einfach hatte im Markt. Es war zwar absolut innovativ, aber es war auch schwer, die Hemmschwelle der Kunden, insbesondere nach 19.00 Uhr am Abend, zu überwinden. Verständlich – die Leute freuten sich auf den wohlverdienten Feierabend. In manchen Familien allerdings gab es diesen Feierabend schon überhaupt nicht mehr – irgendeiner aus der Familie musste immer arbeiten - als Schichtarbeiter in der Fabrik, im Nachtdienst im Krankenhaus, als Busfahrer im Abenddienst – da war es wirklich schwer, den Entscheidungsprozess in einer Familie in Gang zu setzen. Eine der am häufigsten gehörten Antworten war: „Ich kann nicht allein entscheiden, mein Mann – meine Frau – meine Mutter – mein Vater – ist nicht da!“ Und das war in den allermeisten Fällen ehrlich und entsprach komplett den Tatsachen.

Die Firmenleitung gab den Aussendienstmitarbeitern eine Menge guter und attraktiver Hilfsmittel für ihren - zugegeben - schweren Job mit auf den Weg – was von kleinen Geschenken bis hin zu großzügigen Rabattzusagen im Auftragsfall reichte. Und es gab eine Handvoll von erfolgreich agierenden Verkäufern, die auch regelmässig ihre täglichen Aufträge buchten. Und dann waren ein paar Kollegen darunter, die ihre geplanten  Aufträge nicht schafften, die zwar ihre täglichen Strecken abfuhren, aber die Erfolge blieben aus.

Statistiken, die der Firmeninhaber gern in seinem Computer anfertigte, sprachen eine deutliche Sprache. Bevor nun die Entscheidung gefällt wurde, diese weniger erfolgreichen Mitarbeiter zu entlassen, wollte man zunächst alles daran setzen, ihnen durch weiterführende Produktschulungen und geeignete Motivierungsmassnahmen wieder den alten Schwung zurückzugeben – schliesslich waren die Leute ja alle einmal aufwändig und teuer ausgebildet worden. Das wollte man nun auch nicht so einfach wegwerfen.

Bei einigen der Kandidaten hatte der Vertriebsleiter aber noch eine andere Vermutung: er beobachtete an dem Verhalten der Leute ein gewisses Desinteresse, es fehlte an der  wirklichen Einsatzbereitschaft, sie waren entweder müde oder anderweitig ausgelastet mit anderen Tätigkeiten – man kann ja nie wissen, was sonst so abläuft!

Dr. P. wollte dem Firmeninhaber in wohlgesetzten Worten diese Fälle vortragen, aber er wurde ziemlich bald vom Chef unterbrochen: „Sollen wir auf den Herrn A., den  schlechtesten der Kandidaten, mal einen Privatdetektiv ansetzen?“ fragte der Chef – und er nahm dem etwas ängstlichen Dr. P. damit die Hemmungen – denn das genau hatte er vorschlagen wollen.

Dr. P. kam zu uns, schilderte uns seine Sorge, machte uns mit den Details der Arbeit des Herrn A. vertraut, und wir verabredeten, dass wir uns über drei Tage mit täglich wechselnden Ermittlern an die Fersen – besser gesagt – die Reifen des Herrn A. hängen würden. Damit keine Pannen passieren konnten, berieten wir Herrn Dr. P. derart, dass wir ihm jeweils ein Zweier-Team als Ermittler empfahlen. Denn, wenn nur immer ein und dasselbe Gesicht hinter einem „Gauner“ her ist – da kann es sehr leicht passieren, dass der Beschattete schneller etwas davon merkt. Dr. P. ging darauf ein und erteilte uns den Auftrag.

Am ersten Tag hatten unsere Ermittler große Schwierigkeiten, Herrn A. zu folgen. Denn der fuhr keinesfalls in die Innenstadt, wo er die meisten Kunden hätte finden können  und sollen, sondern er fuhr spornstreichs auf den Autobahnring, der um die Stadt führte und fuhr in eine Outlet-Firma für Textilprodukte – was also mit dem eigentlichen Produkt, für das er zuständig war, nun gar nichts zu tun hatte. Er lud sein großes Auto mit Textilien voll und brauste davon. Unsere Ermittler folgten Herrn A., der wieder in die Stadt zurück fuhr. Er suchte mittlere und kleinere Boutiquen auf, trug Muster aus der Kollektion aus dem Auto hinein und wieder hinaus, in einigen Fällen sogar lieferte er offenbar größere Posten Pullover oder Blusen oder T-Shirts direkt aus – so genau konnten unsere Leute aus ihrer sicheren Entfernung nicht erkennen, um welche Waren es sich handelte. Aber sie fotografierten eifrig mit ihren hochempfindlichen Kameras und beobachteten alles mit ihren hervorragenden Ferngläsern.

Also – wenn das so war - Herr A. konnte gar keinen Erfolg haben mit seinem ureigenen Produkt, welches er eigentlich verkaufen sollte – er kümmerte sich ja überhaupt nicht darum!   

Der nächste Tag verlief im Prinzip genau so: diesmal ging es zu einem Auslieferungslager für Schuhe – wie gut für ihn, dass Herr A. einen so großen Kombi hatte und somit Unmengen von Schuhen einladen konnte! Die Verteilung erfolgte nach genau dem gleichen Schema wie die Verteilung der Textilien am Tag zuvor.

Am dritten Tag endlich – da schien Herr A. keine Outlets mehr auf der Liste zu haben – denn heute fuhr er in die Innenstadt und suchte einige Wohnbezirke mit Privatleuten auf – offenbar für das ihm eigentlich übertragene Produkt. Unsere Ermittler notierten sich die Strassennamen und Hausnummern, die Herr A. besuchte.      

Unsere Berichte waren schnell fertig und wurden mit den Fotos alsbald abgeliefert.   

Dr. P. fiel aus allen Wolken – damit hatte er nicht gerechnet, dass sein Mitarbeiter an zwei von drei Tagen etwas ganz anderes tat, aber bei seinen Reisekostenabrechnungen seiner Firma die gefahrenen Kilometer aller drei Tage in Rechnung stellte. Darüberhinaus: er war fest angestellt bei dieser Agentur, mit allen Sozialversicherungen und Lohnnebenkosten, die die Firma für ihn zahlte.

Unser Bericht war eindeutig. Für dieses „Abschlussgespräch“ mit Herrn A. kam sogar der Inhaber dazu – da wollte er dabei sein.

Herr A. wurde fristlos entlassen, und er bekam eine Anklage wegen Betrugs, unerlaubter Nebentätigkeit und anderer Delikte, die der Anwalt zusammengestellt hatte.
 
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